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‘Conceptual recommendations for the Munich Documentation Centre for the History of National Socialism’, by the Academic Advisory Board, 23 June 2006

 

mit den Maßgaben des Kuratoriums NS-Dokumentationszentrum vom
14. Juli 2006

von der Vollversammlung des Münchner Stadtrat verabschiedet am
26. Juli 2006

ergänzt in der 13. Sitzung des Kuratoriums vom 30. Juni 2010

 

  1. Die Stadt München als Standort für ein NS-Dokumentationszentrum
  2. Die Standortplanung am authentischen (Erinnerungs-)Ort
  3. Charakter der Einrichtung
  4. Leitidee
  5. Bildungskonzept
  6. Dauerausstellung
  7. Raumbedarf und Bauplanung

 

 

1. Die Stadt München als Standort für ein
NS-Dokumentationszentrum

Die einzigartige internationale und bundesweite Bedeutung eines NS-Dokumentationszen­trums in München ergibt sich aus der Rolle der Stadt als Gründungsort des Nationalsozialismus. Wie keine andere Stadt ist München mit dem Aufstieg Adolf Hitlers und der NSDAP verbunden. Die Frage nach dem gesellschaftlichen und politischen Umfeld, das das Erstarken des Nationalsozialismus ermöglichte, ist die besondere Aufgabenstellung des Dokumentationszentrums. Mit der nationalsozialistischen Diktatur, die einen Rasse- und Eroberungskrieg plante und entfesselte, widmet es sich einem zentralen Thema der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert.

München war das kultische Zentrum des NS-Systems und diente nach der Machtübernahme 1933 als Kulisse für nationalsozialistische Selbstdarstellungen. Über Jahre war die Stadt das ideologische Zentrum des Nationalsozialismus und Sitz einer gigantischen Parteiverwaltung. Damit ist München ein bedeutender Täterort im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Die Stadt erhielt 1935 den Titel „Hauptstadt der Bewegung“ und wurde zur „Hauptstadt der deutschen Kunst“. Zudem bildete München für große Teile Süddeutschlands die Terrorzentrale bei der Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung, der Sinti und Roma, politisch Andersdenkender und weiterer gesellschaftlicher Gruppen. Die besonderen politischen, intellektuellen und konfessionellen Milieus der bayerischen Landeshauptstadt machten die Stadt zudem zu einem Ort der unauffälligen Nutznießer, Mitmacher und Mitläufer. Andererseits gab es in München auch Opposition und Widerstand. Bereits während ihrer Aufstiegsphase stieß die NSDAP auf politischen und gesellschaftlichen Protest. Nach der Machtübernahme formierte sich Widerstand, der in seiner Differenziertheit und fehlenden Akzeptanz dargestellt wird. Ein bekanntes Beispiel sind die Aktionen der „Weißen Rose“.

München hat es nach dem Ende des NS-Regimes 1945 versäumt, in angemessener Form seine Geschichte aufzuarbeiten und an seine zentrale Rolle im Nationalsozialismus zu erinnern. Erst vergleichsweise spät begann eine vertiefte Auseinandersetzung mit der NS-Zeit. Sechzig Jahre nach dem Ende des „Dritten Reiches“ haben die Landeshauptstadt München und der Freistaat Bayern im Zusammenwirken mit bürgerschaftlichen Gruppierungen und Initiativen beschlossen, sich mit der Errichtung eines NS-Dokumentationszentrums auch diesem Abschnitt ihrer Geschichte zu stellen.

2. Die Standortplanung am authentischen (Erinnerungs-)Ort

Für den Bau eines Dokumentationszentrums in München stellt der Freitstaat Bayern das zentral am Königsplatz gelegene Grundstück des ehemaligen „Braunen Hauses“ zur Verfügung. An keinem anderen Ort in München verdichtet sich die Geschichte des Nationalsozialismus topographisch in einer derart starken Weise. Mit dem 1930/31 zur Parteizentrale umgebauten Palais Barlow sind Aufstieg, Anspruch und Verwurzelung der NSDAP in München in besonderem Maße verbunden. Nach 1933 entstand hier das erste Bautenensemble des Regimes, das als Zentrum der Parteiorganisation, als Stätte des NS-„Märtyrer“-Kultes und als Vorbild für Repräsentationsbauten in ganz Deutschland diente. In der unmittelbaren Umgebung befinden sich die Relikte der „Ehrentempel“, der „Führerbau“ (in dem das Münchner Abkommen unterzeichnet wurde), das Verwaltungsgebäude der NSDAP (in dem die zentrale Mitgliederkartei geführt wurde) sowie zahlreiche weitere mit der Geschichte des Nationalsozialismus eng verknüpfte Bauten und Örtlichkeiten, so z.B. die Gestapo-Zentrale im ehemaligen Wittelsbacher Palais. Bis April 1945 arbeiteten in diesem kleinen Stadtviertel zum Teil mehr als 6.000 Menschen in mehr als fünfzig Einrichtungen für die Partei.

Dieser Standort ist hinsichtlich der genannten Verknüpfungen besonders bedeutungsvoll. Es ist daher ein zentrales Anliegen, die historische Topographie grundlegend einzubeziehen, um ein Lernen und eine kritische Auseinandersetzung am „authentischen Ort“ zu ermöglichen. Die historische Rolle der teils abgeräumten, teils noch existierenden NS-Bauten im unmittelbaren stadträumlichen Umfeld wird in die Ausstellungs- und Vermittlungsarbeit des NS-Dokumentationszentrums einbezogen. Sowohl die Dauerausstellung als auch die pädagogischen Angebote greifen die Bauten, Relikte und Spuren als „Außenstelle“ und Fortführung der Dokumentation auf. Dies bedeutet zum einen, dass die Ausstellung auch auf das „Netzwerk“ stadträumlicher Erinnerungsorte Bezug nehmen kann. Zum anderen wird ein Präsentationssystem erarbeitet, das im öffentlichen Raum das künftige Dokumentationszentrum mit dem historischen Umfeld visuell erkennbar verbindet. Auch die Architektur des Dokumentationszentrums soll die Umgebung, die vorhandenen Gebäude und baulichen Überreste der NS-Zeit berücksichtigen.

3. Charakter der Einrichtung

Das Dokumentationszentrum ist ein offener und lebendiger Ort des Lernens, der Information, der Erinnerung, der kritischen Auseinandersetzung und der offenen Diskussion über die Geschichte des Nationalsozialismus. Die komplexe Thematik wird einem breiten Publikum im Rahmen der Dauerausstellung vermittelt. Zusätzliche Programme unterstützen die Möglichkeit für Besucherinnen und Besucher, sich umfassend über die Vergangenheit zu informieren und regen zu einer Auseinandersetzung im Sinne eines „Lernens für die Gegenwart und die Zukunft“ an. Über die Dauerausstellung hinaus umfasst das Gesamtkonzept des Hauses weitere Angebote, insbesondere Wechselausstellungen, Veranstaltungen und Publikationen einschließlich einer aktiven Internetpräsenz. Besonderes Gewicht liegt auf einem breiten, zielgruppenorientierten historisch-politischen Bildungsprogramm. Außerdem werden Führungen zur Geschichte des Nationalsozialismus in München angeboten. International und überregional wird die Einrichtung in ein enges Kooperationsnetzwerk innerhalb der Museen-, Erinnerungs- und Gedenkstättenlandschaft eingebettet.

Das Dokumentationszentrum muss mit der Tatsache umgehen, dass das kommunikative Gedächtnis der Zeitzeugen allmählich in das kulturelle Gedächtnis der Nachlebenden übergeht. Diese Veränderung ist von zentraler Bedeutung für die museologische und didaktische Umsetzung der Konzeption. Das Haus soll in zukunftsorientierter Weise die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus, seiner Strukturen und Herrschaftsmechanismen sowie seiner Folgen ermöglichen. In die Ausstellung und in die Bildungsprogramme werden daher auch aktuelle Fragestellungen einbezogen, die während der zu erwartenden ersten Laufzeit der Dauerausstellung (ca. 2010-2020) relevant sind. Neue Erkenntnisse des internationalen wissenschaftlichen und pädagogischen Diskussionsprozesses werden in die Arbeit des Dokumentationszentrums aufgenommen.

4. Leitidee

München ist der Gründungs- und Entstehungsort des Nationalsozialismus zwischen 1919 und 1923. Neben den reichsweiten Funktionen in der Parteibürokratie erhielt die Stadt nach 1933 durch die Selbstinszenierungen des Regimes neue Bedeutung. Aufgrund der Bündelung dieser zentralen Themen können die Entstehung, das Funktionieren und die Folgen der NS-Diktatur besonders gut dargestellt und erklärt werden. Sie werden in das Interaktionsverhältnis zwischen regionalen, überregionalen und internationalen Entwicklungen eingebunden.
Entstehung und Wirkungsmechanismen des NS-Staates werden im historischen Kontext für die Besucher verstehbar gemacht. Dazu wird neben der Darstellung und Analyse von Strukturen, Herrschafts- und Machtmechanismen methodisch auch auf die Erfahrungs- und Mentalitätsgeschichte zurückgegriffen. Der komplexe Prozess des „Versagens der Institutionen“, der darin handelnden Menschen und Rollenträger mit seinen schwerwiegenden Folgen für Rechtssystem und Gesellschaftsordnung, aber auch für die individuellen Handlungsspielräume erhält besonderes Gewicht. Als Sitz der Parteiverwaltung kommt München hier eine zentrale Rolle zu. Am Beispiel der Stadt lassen sich die katastrophalen Folgen der Abkehr von der Idee der Menschen- und Bürgerrechte, der Zerstörung und des Versagens der rechtsstaatlichen Institutionen- und Werteordnung – auch in ihrer Bedeutung für die Eigenverantwortung der darin handelnden Menschen – besonders deutlich darstellen und begreifbar machen.

Mit einem speziellen und innovativen Bildungsangebot möchte das Zentrum dazu beitragen, kritisches historisches Bewusstsein zu wecken. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus, seiner Strukturen und Herrschaftsmechanismen soll Besucherinnen und Besucher anregen, sich die Grundwerte demokratischer Gesellschaften stärker zu vergegenwärtigen. Im Sinne einer gegenwarts- und zukunftsorientierten Demokratie-, Bürger- und Menschenrechtserziehung vermittelt die Bildungsarbeit zentrale demokratische Wertorientierungen wie Respekt für Menschenwürde, Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Pluralismus.

Der Nationalsozialismus hat durch seine Geschlechterpolitik die Gesellschaft geprägt und stark segregiert. Die unmittelbaren und mittelbaren Auswirkungen der Rollenzuschreibungen für Frauen und Männer werden für die Bereiche von Herrschaft und Gesellschaft in allen thematischen Bereichen der Ausstellung sowie im weiteren Programm des Hauses jeweils spezifisch berücksichtigt. Diese als Querschnittsthema integrierte geschlechterdifferenzierende Perspektive des Hauses bildet einen innovativen Ansatz im Vergleich zu bestehenden Erinnerungsorten.
Wesentliches Kennzeichen der nationalsozialistischen Herrschaft ist der politische und gesellschaftliche Ausschluss, die Diskriminierung und die Ermordung von im Sinne der NS-Ideologie unerwünschten, „rassisch minderwertigen“ Bürgerinnen und Bürgern sowie politischen Gegnern und anderen, zu Außenstehenden erklärten Gruppen. Diese Rassenpolitik führte zur systematischen Ermordung der Juden. Am anderen Pol der NS-Ideologie steht die Integration und Aufwertung von Gruppen der Gesellschaft, die Privilegien sichern, ausbauen und erwerben konnten und so das System stützten. Die Berücksichtigung von Integration und Ausgrenzung, wie sie in der gesellschaftlichen Realität der Großstadt München zusammenwirkten, öffnet den Blick für eine kritische Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus.

5. Bildungskonzept

a)   Zielgruppen

Das Dokumentationszentrum wendet sich an ein breit gefächertes Publikum: an jugendliche Besuchergruppen im Rahmen des Geschichtsunterrichts oder außerschulischer politischer Bildungsprogramme (für alle Altersgruppen nach dem Konzept des „lebenslangen Lernens“); Einzelbesucher aus München und der Bundesrepublik; Mehrfachbesucher aktueller Wechselausstellungen und Veranstaltungen; spezielle gesellschaftliche, politische, religiöse und berufliche Gruppen; internationale Besuchergruppen und Touristen; interkulturelle Besuchergruppen sowie Teilnehmer internationaler Austauschprojekte.

Hinsichtlich der zu erwartenden Besucherzahlen orientiert sich die Münchner Einrichtung an den Erfahrungen und Vergleichszahlen anderer deutscher zentraler Gedenk- und Dokumentationsstätten. Demnach sind jährlich rund 400.000 Besucher zu erwarten.

b)   Didaktische Anforderungen

Das Bildungsangebot, das die Themen des Zentrums über die Dauerausstellung und Einzelausstellungen hinaus den Besuchern vermittelt, bezieht sich differenziert auf deren spezifische Bedürfnisse. Bei der Bildungsarbeit mit Jugendlichen etwa ist ein zunehmender Anteil von Schülern mit Migrations- und multiethnischer Biographie zu berücksichtigen.

Das Bildungsprogramm wird dynamisch entwickelt und unter Bezug auf aktuelle Fragestellungen sowie mit Einbindung von Jugendlichen aus dem schulischen wie außerschulischen Bereich kontinuierlich erweitert, überprüft und verändert. Dazu werden unterschiedliche Medien und Materialien einbezogen und Möglichkeiten zur Vertiefung einzelner Themenbereiche geschaffen. Spezifisch geschultes Personal vor Ort ist von besonderer Bedeutung.

Besonders wichtig sind auch Angebote zur Fortbildung von „Multiplikatoren“. Außerdem werden bestehende Lernprogramme von Bildungseinrichtungen (Schule, Erwachsenenbildung, Universitäten) oder erprobte Projekte zur Information und Sensibilisierung gegenüber extremistischen Ideologien und Haltungen wie Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus (z.B. Zivilcouragetrainings) berücksichtigt.

Gemäß den internationalen Standards der Museums- und Gedenkstättenarbeit werden folgende Angebote entwickelt:

  • Angebote an Einzelbesucher (mehrsprachige Audioführung, u.a. für unterschiedliche Altersgruppen; Möglichkeiten der persönlichen Kommunikation; Einführungsangebote zu festen Zeiten)
  • Nachbereitung vor Ort durch Klärung und Diskussion entstandener Fragen mit kompetenten Ansprechpartnern sowie durch individuelle Vertiefungsangebote (z.B. Handbibliothek, Filmothek)
  • Multiperspektivität: kritische Sichtbarmachung unterschiedlicher Perspektiven in der Präsentation und im dokumentarischen Material (Täter-, Opfer-, Mitläuferperspektiven)
  • Multimediale Begleitprogramme: Filmprogramme zu wechselnden Themen; Vorträge, Tagungen, Schulungen und Symposien
  • Die authentischen Orte im unmittelbaren Umfeld und der Umgebung werden eng in die Entwicklung des Bildungsangebots einbezogen.

Für eine nachhaltige Bildungsarbeit sind ausreichende, geeignete Räumlichkeiten für Gespräche und Gruppenarbeit eine unabdingbare infrastrukturelle Voraussetzung: Die Räume (lernfördernd gestaltet, mit Tageslicht) müssen ein vom allgemeinen Besucherbetrieb ungestörtes Arbeiten ermöglichen, über einen Lesebereich mit Handbibliothek und die zeitgemäße technische Ausstattung zum Einsatz audiovisueller Medien verfügen. Zudem muss speziell ausgebildetes Personal mit Leiter/Leiterin (unterstützt durch freie Mitarbeiter) in einer der Besucherzahl angemessenen Stärke eingesetzt werden. Es entwickelt Bildungskonzepte für unterschiedliche Zielgruppen, setzt sie um und ist in die Besucherbetreuung eingebunden.

Unabdingbar für die Qualität der Bildungsarbeit des Dokumentationszentrums ist die begleitende Besucherforschung, aber auch in innovativer Weise die prozessbegleitende Evaluation des Konzeptes und seiner Umsetzung (in Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen wie Universitäten).

c)   Lernziele

Im Vordergrund der Konzeption eines solchen offenen und lebendigen Ortes der Information, des Lernens, der kritischen Auseinandersetzung und der Diskussion steht die Motivation zu aktiver Teilnahme an den jeweiligen Bildungsangeboten sowie die Motivation zu eigenständiger Meinungsbildung und Stellungnahme. Das NS-Dokumentationszentrum vermittelt ein Bildungsprogramm, in dem Lehren aus der Vergangenheit nicht formelhaft vorgegeben und verabsolutiert werden. Lernen wird als aktiver Prozess verstanden, der zur Diskussion und Meinungsbildung auch über gegenwärtige Gefährdungen und Verletzungen von Menschenrechten und politischen Rechten anregt, vorschnelle Gleichsetzungen dabei jedoch vermeidet.

Wie in der Leitidee ausgeführt, soll das Konzept des „Erklärens und Verstehens“ dem Besucher neben dem kognitiven Lernen ermöglichen, weiterreichende Bedeutungszusammenhänge herzustellen und für sich zu erschließen und damit ein Hineinwirken in das Heute im Sinne des „Nie Wieder!“ zu ermöglichen. Das Dokumentationszentrum versucht durch seine Arbeit, Lernziele in den Bereichen des Wissens, der qualifizierten Erkenntnis, der persönlichen Einstellungen, der Affekte sowie im Bereich des Verhaltens zu erreichen und zu kritischen Wertungen zu motivieren. Dies sind zum Beispiel: historische Tatsachen und Fakten sowie Strukturen und Mechanismen zu kennen und einordnen zu können; die Bedeutung einer an demokratische Werte gebundenen Institutionenordnung zu begreifen; die Bereitschaft zu offener und kritischer Auseinandersetzung und Diskussion zu fördern; gesellschaftliche Zusammenhänge und Handlungsspielräume der Mehrheits- (Täter, Mitläufer, Zuschauer) wie der Minderheitsgesellschaft (Resistenz, „Eigensinn“, Widerstand) zu erkennen und zu hinterfragen; Empathie mit den Opfern zu wecken; zu befähigen, eine informierte Diskussion zu führen.

6. Dauerausstellung

a)   Inhalte und Themen

Chronologisch werden die Themenschwerpunkte der Dauerausstellung in drei Bereichen gesetzt: Die Ursprünge der nationalsozialistischen Bewegung in München sowie die „Regimephase“ mit der NS-Selbstinszenierung in München als Ort der „Hauptstadt der Bewegung“ und „Hauptstadt der deutschen Kunst“. Gemäß dem multiperspektivischen Anspruch des NS-Dokumentationszentrums werden Täter wie auch Opfer, die exkludierende ebenso wie die Privilegien schaffende Macht des Regimes dargestellt, um die Durchdringung aller Lebensbereiche durch den Nationalsozialismus zu verdeutlichen. Schließlich richtet sich der Blick auf die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der NS-Zeit nach 1945.

Die Ausstellung verbindet Gesellschafts- und Strukturgeschichte miteinander. Der folgende Themenkatalog bietet eine Auswahl möglicher Akzentsetzungen zu einzelnen Schwerpunkten, die durch die Überschriften benannt werden. Die besondere Entwicklung in München steht im Vordergrund und eröffnet damit einen spezifischen Blick auf die allgemeine Geschichte des Nationalsozialismus mit seiner Entfesselung von Gewalt nach innen und außen.

  • Die Frühphase der NS-"Bewegung"

Bei der Darstellung der NS-„Bewegung“ steht München als Ursprungsort der Partei im Mittelpunkt. Insbesondere für den Zeitraum bis 1923 war die Stadt der Schauplatz ihres Aufstiegs. Daher kann am Beispiel Münchens die fragile Frühphase der Weimarer Republik exemplarisch dargestellt werden. Für die Zeit bis 1933 sind die historischen Voraussetzungen und ideologischen Grundlagen der Etablierung des nationalsozialistischen Systems wesentlich. Dazu gehören vor allem die Geschichte der völkischen Bewegung, von Antisemitismus und Rassismus sowie Militarismus, aber auch von anderen Elementen, wie z.B. die Rolle der Eugenik. Neben einzelnen Voraussetzungen für Aufstieg und Durchsetzung des Nationalsozialismus, wie u.a. die Weltwirtschaftskrise, werden demokratische Gegenkräfte und Milieus berücksichtigt.

Aufstiegsmilieu: politische Polarisierung in Folge der Räterepublik; Rolle von Freikorps, Reichswehr und Polizei; rechte („nationale“) restaurative Justiz; politische Rahmenbedingungen in Bayern („Ordnungszelle Bayern“);Obrigkeitsdenken; Kriegsverherrlichung; Milieu und Umfeld des frühen Nationalsozialismus; Antisemitismus, völkisches Gedankengut, extremer Nationalismus; Eugenik; Unterstützer-Kreise Hitlers; Ideologie, Programm und Deutungsmuster der NSDAP

„Hitlerputsch“ und Aufstieg der NSDAP nach 1924: Putschversuch 1923, „Hitlerprozess“, Verbot, Wiedergründung und Entwicklung der Partei bis 1929; Weltwirtschaftskrise als Auslöser des Stimmenzuwachses der NSDAP; Wählerbewegung zur NSDAP in München; München als Medienzentrum des Nationalsozialismus und der Parteipropaganda

Demokratische Kultur: Gegenkulturen und demokratische Milieus in München; rechtliche Gleichstellung und Integration der jüdischen Bevölkerung.

  • Die Regimephase 1933-1945

München hatte zahlreiche zentrale Funktionen während der Zeit des Nationalsozialismus: als Stadt der Parteileitung und -verwaltung, als inszenierte „Hauptstadt der deutschen Kunst“ sowie als „Hauptstadt der Bewegung“ und damit des zentralen Totenkultes. Mit der Umverteilung der gesellschaftlichen Chancen entstand eine Spannung zwischen Repression und Attraktivität des Regimes, zwischen Zugehörigkeit und Teilhabe auf der einen und Ausschluss, Ausgrenzung und Mord auf der anderen Seite. Diese gilt es in kritischer Weise in seiner Multiperspektivität und Komplexität darzustellen, indem die Themen der Dauerausstellung nicht allein Opfer und Täter erfassen, sondern unterschiedliche (und auch unterschiedlich wahrgenommene) Handlungs- und Gestaltungsspielräume. Besonderes Augenmerk liegt auf einer geschlechterdifferenzierenden Darstellung der Rollen, Funktionen und Lebenswirklichkeiten von Männern und Frauen in der NS-Zeit.

Gesellschaft und Bürokratie: Uniformierung und Mobilisierung der Gesellschaft durch die NSDAP und Parteiverbände; Zerschlagung der Parteien, der gewählten städtischen Selbstverwaltung und der Pressefreiheit; Aus- und Gleichschaltung der Berufs- und Interessenverbände, Gewerkschaften und Standesvertretungen; München als „Hauptstadt der Bewegung“ und Stadt der Reichsleitung; NS-Funktionäre und Mitglieder (NSDAP-Mitgliederkartei), Begeisterte und Mitläufer; Kompetenzveränderungen: Sonderbeauftragte, Reichsverteidigungskommissar, etc.

Kunst und Kult: Bücherverbrennung; Inszenierung als „Hauptstadt der deutschen Kunst“ und NS-Kunstpolitik; Kult und „Religion“: Novemberkult als Religionsersatz; Rolle der Architektur; die Stadt als Kulisse außenpolitischer Ereignisse (Staatsbesuche, Münchner Abkommen); Großmannssucht und Korruption; München als Propagandazentrum der Macht (Heinrich Hoffmann u.a.)

Einschluss und Ausschluss: Justiz und Polizei, Entfesselung der Gewalt nach innen; „Volksgemeinschaft“: emotionale Vergemeinschaftung bzw. Ausschluss und Isolation; Frauen und Mütter: Rollenzwang, rassistische Geburtenpolitik etc.; Männer: Karriereangebote, Militarisierung; Jugend: Erfassung und Angebote in BdM und HJ; Wissenschaft: „kämpfende“ Wissenschaft; Wirtschaft, Soziales, Wohlfahrt: „Gefälligkeitsdiktatur“; Vertreibung und Exilierung

Verfolgung und Widerstand: Terror, Gestapo (Wittelsbacher Palais), Täter und Täterinnen; (Muster-)Lager Dachau als Teil der Münchner Verfolgungsgeschichte; Judenverfolgung und „Arisierung“, Pogromnacht 1938, Lager Milbertshofen und Berg am Laim, Zwangsarbeit, Auslieferung in die Vernichtung, Deportation und Mord; Verfolgung von Minderheiten, z.B. Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, Opfer der Krankenmorde („Euthanasie“); Flucht und Exil von Gegnern des Nationalsozialismus; Widerstand und Resistenz (z.B. Kommunisten, Sozialdemokraten, Georg Elser, Weiße Rose, Harnier-Kreis)

München und der Krieg: Kriegsvorbereitung und -planungen; Rüstungsindustrie und -arbeit: Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen, KZ-Außenlager; sozialer Umbau der Stadtgesellschaft im Krieg, Wandel überkommener Familien- und Rollenbilder; illusionistische und verleugnende Fassade der Normalität (auch im Kulturbetrieb) bis ca. 1942/43; Soldaten, Flakhelfer; Bombenkrieg, Zerstörung, Evakuierung, Versorgung und Rationierung.

  • Die Auswirkungen und die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur nach 1945

Als Lernort ist es für das Dokumentationszentrum entscheidend, sich mit den Nachwirkungen und dem gesellschaftlichen und politischen Umgang mit dem Nationalsozialismus in seinen verschiedenen Phasen zu beschäftigen: mit den Kriegsverbrecherprozessen der unmittelbaren Nachkriegszeit bis hin zum Fortwirken „brauner Seilschaften“, z.B. in Justiz und Medizin. Es wird gefragt, inwieweit in der Bundesrepublik versäumt wurde, für einen personellen Neubeginn und Elitenwechsel zu sorgen, und welche gesellschaftlichen Kosten der Integrationsprozess hatte. Die Aktualität der Problematik wird anhand von Auswirkungen bis in die Gegenwart (z.B. Diskussion um den Entschädigungsfonds für ehemalige Zwangsarbeiter; Folgen der „Arisierung“) verdeutlicht.

Neuanfänge und Kontinuitäten: amerikanische Besatzung in München und Bayern, Beginn der Demokratisierung, deutsche Teilung, Displaced Persons, Entnazifizierung und Karrieren (Wirtschaft, Justiz, Militär, Polizei, Ärzte, Künstler, etc.), rechtsextremes Gedankengut

„Wiedergutmachung“, NS-Prozesse: Umgang mit der NS-Vergangenheit bis heute in München vor dem Hintergrund der Entwicklung in der Bundesrepublik und der DDR

Erinnerungspolitik und -kulturen („Erinnerungsverweigerung“)

b)   Vorschläge zur Umsetzung

Der Charakter der Dauerausstellung leitet sich aus den perspektivischen und inhaltlichen Schwerpunktsetzungen der Einrichtung sowie aus der Formulierung der Lernziele ab. Die Komplexität dieser Aufgabe erfordert eine zeitgemäße und sensible Umsetzung durch eine professionelle Ausstellungskonzeption und -realisierung gemäß des Stands der wissenschaftlichen Forschung, unter Berücksichtigung zeitgemäßer didaktischer Konzepte und Einschluss multimedialer Darstellungs- und Vermittlungsmöglichkeiten. Die Ausstellung muss für Einzelbesucher erschließbar sein; zusätzlich sind zielgruppenspezifische Führungsangebote obligat.

Grundlegend sind die sorgfältige und exemplarische Auswahl, Präsentation und Kontextualisierung von Bild-, Schrift- und Tondokumenten sowie Sachzeugnissen in einem angemessenen Verhältnis zum Ausstellungstext in nachvollziehbarem und -erlebbaren Zusammenhang. Dies ermöglicht auch, am Ende des Rundgangs weiterführende kritische Fragen zu stellen und zu weiterer Information und Auseinandersetzung anzuregen. Die Multiperspektivität muss durch anschauliche Lösungen präsentiert werden. Gezielter Medieneinsatz und innovative Ausstellungstechniken sollen die Besucher involvieren und aktivieren. Mehrsprachigkeit (mindestens deutsch und englisch) ist selbstverständlich.

Anmerkung:

Herr Prof. Nerdinger vertritt zu dem Aspekt „Sachzeugnisse“ eine andere Auffassung:

„Auf die Präsentation ‚authentischer’, d.h. musealer Objekte sollte nur zurückgegriffen werden, wenn dies für den angestrebten Informations- und Lerneffekt wirklich unabdingbar ist.“

7. Raumbedarf und Bauplanung

Mit der Entscheidung, das NS-Dokumentationszentrum auf dem Grundstück des ehemaligen „Braunen Hauses“ zu errichten, sind nicht nur für das inhaltliche Profil, sondern auch für die Bauplanung große Chancen wie auch besondere Herausforderungen verbunden.

a)   Flächen- und Raumbedarf

Eine erste Bedarfsschätzung und der Blick auf andere Dokumentationsstätten, die im Aufgabenspektrum und in der Dimension mit dem Münchner Projekt vergleichbar sind, ergeben einen Flächenbedarf von etwa 3.000 qm Nutzfläche. Auszuweisen sind:

  • Flächen für Dauerausstellung: mindestens 1.200 qm
  • Flächen für Wechselausstellungen: mindestens 300 qm
  • ausreichende, gut geeignete und gut belichtete Räume für die Bildungsarbeit (Seminar- und Besprechungsräume, Lese-/Computerbereich, Handbibliothek, Arbeitsräume für besucherbetreuende Mitarbeiter, Veranstaltungs-/Filmraum): mindestens 500 qm
  • Foyer: Besucherempfang und -organisation, Museumsshop (Buchverkauf, Video- und Audioangebot), Garderoben, weitere Infrastruktur (incl. Café): mindestens 400 qm
  • Mitarbeiter- und Verwaltungsräume (Leitung, feste und freie Mitarbeiter/innen): mindestens 150 qm (könnten ggf. ausgelagert werden)
  • davon notwendige Tageslicht-Flächen (ohne Berücksichtigung der Verkehrs- und Konstruktionsflächen): ca. 1.900 qm Nutzfläche (nach Abzug der „untergeschosstauglichen“ Nutzungen und evtl. auszulagernder Arbeitsräume);           
    notwendige Flächen ohne Tageslicht-Bedarf: ca. 1.000-1.100 qm Nutzfläche (ohne Berücksichtigung der Verkehrs- und Konstruktionsfläche und ohne Technikräume)
  • Nebennutzungs-/Konstruktions-/Verkehrs-/Technikflächen müssen im Verhältnis errechnet werden (generell zuzüglich ca. 35 Prozent). Die Verkehrsflächen sollten möglichst so in das Konzept integriert werden, dass sie gleichzeitig als Nutzflächen verwendet werden können (z.B. integriert in die Ausstellungsfläche oder das Foyer).

Um den gesamten Flächenbedarf unterzubringen, muss daher eine auch über die ehemalige Kellerfläche des „Braunen Hauses“ hinausgehende Unterbauung der Grundstücksfläche für die Arbeit des Dokumentationszentrums zur Verfügung stehen und als Untergeschoss nutzbar gemacht werden. Rund 700-1000 qm der oben genannten Nutzungen könnten anteilig in Untergeschossen untergebracht werden (250 qm Veranstaltung-/Filmraum, Bibliotheksangebot; 300 qm Wechselausstellungen; 150-200 qm für diverse Nutzungen wie Garderobe/Grup­pengarderobe/Schließfächer als Teil der Foyernutzungen; Lager/Depot).

Angesichts der Bedeutung und des geplanten Profils der zukünftigen Einrichtung darf dieser Flächenbedarf nicht unterschritten werden. Die vielfältigen und auch aktuell bezogenen Ausstellungs-, Bildungs- und Begleitangebote, die die ortsansässige Bevölkerung zu wiederholten Besuchen motivieren, sind notwendig, um dem Dokumentationszentrum über die Dauerausstellung hinaus Vitalität, Gegenwartsbezug und Innovationspotenzial zu verleihen.

Darüber hinaus sollten alle Möglichkeiten geprüft werden, vorhandene Räumlichkeiten in der unmittelbaren Nachbarschaft für flächenaufwendige Funktionen zu nutzen. Der wissenschaftliche Beirat empfiehlt, die benachbarte Kantine der Lotterieverwaltung zur Unterbringung der Verwaltung zu nutzen.

b)   Bauwettbewerb

In Anbetracht des nahen Verlustes der Zeitzeugengeneration sowie des 850. Stadtgeburtstags im Jahr 2008, zu dessen Feier eine symbolische Grundsteinlegung als gebautes Zeichen der Erinnerungskultur der Stadt München erfolgen soll, wird eine zügige Realisierung des NS-Dokumentationszentrums als unabdingbar erachtet. Daher wird ein beschränkter Realisierungswettbewerb mit einem offenen internationalen Bewebungsverfahren empfohlen. In Hinblick auf die Bedeutung der Bauaufgabe soll dazu eine angemessene Teilnehmerzahl ausgewählt werden. Zudem soll die Möglichkeit bestehen, weitere zehn renommierte internationale Architekten zuzuladen.

Die Relikte der „Ehrentempel“ sind ein wichtiges Sachzeugnis der NS-Geschichte. Sie stehen unter Ensembleschutz und sind nicht selbst Teil der Bauaufgabe. Dennoch müssen im Wettbewerb Ideen zu einer Bezugnahme des Dokumentationszentrums auf das historische Umfeld, insbesondere auf den angrenzenden Sockel des nördlichen „Ehrentempels“, entwickelt werden.

Die Auslobung des baulichen Realisierungswettbewerbs sollte im Einvernehmen mit dem wissenschaftlichen Beirat erfolgen.

 

München, den 23. Juni 2006

Der wissenschaftliche Beirat des NS-Dokumentationszentrums

Prof. Dr. Danny Brom, Israel Center for the Treatment of Psychotrauma Jerusalem
Dr. h.c. Barbara Distel, KZ-Gedenkstätte Dachau
Prof. Dr. Stefanie Endlich, Berlin
Prof. Dr. Dieter Frey, Ludwig-Maximilans-Universität München
Dr. Andreas Heusler, Stadtarchiv München
Prof. Dr. Hans Günter Hockerts, Ludwig-Maximilans-Universität München
Prof. Dr. Marita Krauss, Ludwig-Maximilans-Universität München
Prof. Dr. Dr. h.c. Horst Möller, Institut für Zeitgeschichte München
Prof. Dr.-Ing. Winfried Nerdinger, Technische Universität München
Prof. Dr. Merith Niehuss, Universität der Bundeswehr München
Prof. Dr. Peter Longerich, Royal Holloway College London
Prof. Dr. Heinrich Oberreuter, Universität Passau
Prof. Dr. Hermann Schäfer, Bonn/Berlin

 

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