Die Münchner Polizei im NS-Regime
08.08.2011
Für die Ausgabe 2/11 der polizeiinternen Zeitschrift Ettstraße hat KHK Fabian Frese einen Artikel über den Arbeitskreis Die Münchner Polizei im NS-Staat, dem neben Polizeibeamten auch Wissenschaftler des NS-Dokumentationszentrums München angehören, verfasst.
Fabian Frese
Die Münchner Polizei im NS-Regime
Was haben wir uns eigentlich dabei gedacht? Historische Literatur aus der Bibliothek des Präsidiums. Kolleginnen und Kollegen aus den verschiedensten Dienststellen und Wissenschaftler. Der Geruch von altem Papier lag in der Luft. Unsere erste Besprechung.
Was wussten wir schon über die nationalsozialistische Vergangenheit des Polizeipräsidiums München, was erwarteten wir zu erfahren – was zu erreichen?
Vor allem behördeneigene polizeigeschichtliche Darstellungen schienen unzureichend. Schwer zu sagen, heute, was wir damals schon wussten, was wir annahmen und was uns dann doch noch schockiert hat. War uns klar, dass geschlossene Einheiten der Münchner Polizei an Kriegsverbrechen, an der massenhaften Ermordung von Zivilisten beteiligt waren? Überraschte uns, dass Transporte in die Vernichtungslager durch Münchner Schutzpolizisten begleitet wurden, Münchner Polizisten sogar in KZ-Mannschaften waren?
Kein Zweifel besteht, dass die Polizei ein zentrales Herrschaftsinstrument des NS-Regimes gewesen war. Und doch war unser Bild geprägt von den frühen Entscheidungen in den Nürnberger Prozessen: Gestapo und SS waren als verbrecherische Organisationen gebrandmarkt - die Polizei nicht.
Lange hielten sich der Mythos, Schutz- und Kriminalpolizei seien „sauber geblieben“. Doch das Bild wurde durch mehr und mehr Prozesse erschüttert. Vom Streifenbeamten bis zum Leiter des Landeskriminalamts Rheinland-Pfalz wurden Polizeibeamten Morde im „Dritten Reich“ nachgewiesen. In allen Teilen der Polizei waren NS‑Täter zu finden und sie entsprachen oft genug nicht dem Bild des düsteren SS-Schergen, sondern waren „ganz normale Männer“. Viele Tatbeteiligte und Anstifter setzten ihre Polizeilaufbahn im demokratischen Deutschland unbehelligt fort. Gerade ihr Einfluss war konstitutiv für die Dauerhaftigkeit der Legende von der „unpolitischen“, „sauberen“ Polizei.
Was wir uns nicht gedacht haben: dass wir es alleine schaffen könnten. Schon früh haben wir uns wissenschaftliche Expertise gesichert. Wir haben ganz viel Unterstützung von Beschäftigten der Münchner Archive erhalten. Besonders große, nachhaltige und weiter andauernde Unterstützung haben wir aber beim NS-Dokumentationszentrum München gefunden. Nach einem Treffen der Gründungsdirektorin Frau Dr. Wojak mit Herrn Prof. Dr. Schmidbauer waren sich beide schnell einig, dass man kooperieren würde. Wir organisierten uns in der AG Münchner Polizeigeschichte, die vom Polizeipräsidenten initiiert worden war.
Literaturauswertung, lesen, lesen, lesen. Die wahrhaft staubtrockene Archivarbeit hat so manche Urlaubswoche gekostet – die Suche nach Zeitzeugen verlangte nach großer Frustrationstoleranz. Beratung, Diskussionen und wieder Beratung durch Archivare. Der ständige Austausch mit dem wissenschaftlichen Personal des NS-Dokumentationszentrums. Gleichzeitig melden sich Kollegen und andere Münchner: Sie haben noch was im Keller, vom Opa, das könnte interessant sein. Neue Hinweise, Einbahnstraßen und völlig neue Funde!
Die Forschung zur deutschen Polizei hat erst in den letzten zwei Jahrzehnten so richtig an Fahrt gewonnen. Überdeutlich wird mehr und mehr, dass nicht nur die Gestapo, sondern die gesamte Polizei an Verfolgung und Vernichtung beteiligt war. Auch in München:
In der Amtszeit des ersten Polizeipräsidenten nach dem Ersten Weltkrieg wurde ohne Hemmungen die im Entstehen befindliche NSDAP gefördert, richtete sich die Münchner Polizei stark nach rechts aus. Teile der Polizeidirektion beteiligten sich am Hitler-Putsch, vorneweg der spätere NS-Innenminister Frick als Leiter der politischen Abteilung.
Aus dieser Politischen Polizei, der Abteilung VI der Polizeidirektion München, ging später die Bayerische Politische Polizei, dann die Gestapo hervor – die Staatspolizeileitstelle München im Wittelsbacher Palais an der Brienner Straße.
Ihr erster Leiter war Reinhard Heydrich. Das Personal bestand zum größten Teil aus ehemaligen Mitarbeitern der Münchner Polizei. Einige Münchner Beamte machten in der Folgezeit in Berlin beachtliche Karrieren, wie etwa Heinrich Müller als Chef der Gestapo im Reichssicherheitshauptamt.
Das Polizeipräsidium München selbst war bis 1938 Zentralbehörde der NS-Rassepolitik gegen die Sinti und Roma im Deutschen Reich. 1938 wurde die Zigeunerpolizeistelle München, die nach eigenen Angaben bis zu 90 Prozent der Sinti und Roma in Deutschland erfasst hatte, dem Reichkriminalpolizeiamt in Berlin als „Zentralstelle zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“ angegliedert.
Wesentlich für die Entgrenzung der Verfolgungspolitik war der Krieg. Die Polizei-Bataillone waren von Heinrich Himmler, dem Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei, auch für antijüdischen Maßnahmen vorgesehen. Sie bewachte die im Osten allerorten eingerichteten Ghettos, später auch die Deportationszüge in die Vernichtungslager. Sie waren in großem Umfang im Vernichtungskrieg gegen Juden und Sinti und Roma eingesetzt und kamen ebenso in der Bekämpfung der Widerstandsbewegungen in ganz Europa wie auch als Fronteinheiten zum Einsatz.
Im Oktober 2010 hat Polizeipräsident Prof. Dr. Schmidbauer den Arbeitskreis und erste Ergebnisse gemeinsam mit dem NS-Dokumentationszentrum München der Presse vorgestellt. Besondere Aufmerksamkeit hat dann der Auftritt beim jährlichen Gedenken an die Novemberpogrome erregt, bei dem Mitglieder des Arbeitskreises und andere Kolleginnen und Kollegen Polizeifunksprüche aus der Pogromnacht vorgetragen haben. Radiobeiträge und Zeitungsartikel folgten. Im Januar 2011 hat das Bayerische Fernsehen in der Sendung „Zwischen Spessart und Karwendel“ unter dem Titel „100 Jahre Ettstraße“ auch über unsere Forschungen berichtet, im April 2011 das Deutschlandradio Kultur ganze 20 Minuten unserer „Notwendigen Nacharbeit“ gewidmet.
Jetzt geht es auf die Ausstellung zu, die wir 2012 eröffnen wollen. Danach werden unsere Erkenntnisse vor allem in die Dauerausstellung des NS‑Dokumentationszentrums einfließen. Auf der Einbindung des Landeskriminalamts, wo besondere Fachkenntnisse zur Verfolgung von NS-Unrecht vorhanden sind und noch Erkenntnisse aus den dortigen Akten zu erwarten sind, liegt in der Zukunft noch einige Hoffnung. Kontakte sind hergestellt.
Die Erforschung und Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte der Münchner Polizei ist ein schwieriger, aufwendiger Prozess. Sie ist für die gesamte Stadtgesellschaft von Bedeutung – am meisten aber für uns selbst.

