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Vorgaben des Kuratoriums an den wissenschaftlichen Beirat, 12. September 2005

Vorbemerkungen

Aufgabe des wissenschaftlichen Beirats
Zentrale Aufgabe des wissenschaftlichen Beirats ist die Beratung und Formulierung eines Konzepts für ein zukünftiges NS-Dokumentationszentrum mit Ausstellung im Umfeld des Königsplatzes in München. Das Kulturreferat der Landeshauptstadt München und die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit stehen dabei als Ansprechpartner und Vermittler für alle auftretenden Fragen zur Verfügung. Sie können z.B. dabei helfen, grundlegende Sachfragen zu klären, Informationen zu besorgen, nötige Mittel bereit zu stellen, die Kommunikation mit der kommunalen Öffentlichkeit herzustellen, weitere beratende Fachleute für einzelne Sachfragen hinzuzuziehen, etc. Dem wissenschaftlichen Beirat ist die praktische Organisation seiner Arbeit freigestellt. Es wird jedoch erwartet, dass eine der Aufgabe entsprechende Arbeitsstruktur entwickelt wird und das Gremium bis Jahresmitte 2006 mehrmals zu Beratungen zusammen tritt.

Standort / Topographie
Der wissenschaftliche Beirat wird gebeten, eine Standortempfehlung auszusprechen. Historisch richtiger Ort dafür ist das Umfeld des Königsplatzes.
Die konzeptuelle Anbindung der authentischen Orte, der bauhistorischen Hinterlassenschaften und der historischen Topographie im öffentlichen Raum - insbesondere im Umfeld des Königsplatzes - ist in die Konzeption und die Planungen einzubeziehen

Erinnerungspolitische Positionierung der Einrichtung
Die bereits bestehenden Dokumentationszentren in Nürnberg und am Obersalzberg sollen nicht kopiert, sondern gezielt ergänzt und fortentwickelt werden. Das Konzept soll den eigenständigen und neuen Beitrag einer solchen Einrichtung in der gegenwärtigen Geschichtslandschaft sowie in der Zukunftsperspektive darstellen. Es sollen Möglichkeiten der Vernetzung mit den bestehenden Gedenkstätten und Dokumentationszentren, insbesondere Dachau, Nürnberg und Obersalzberg, gefunden werden. Es ist zudem der Anschluss an die bestehenden Einrichtungen (Jüdisches Museum, Stadtmuseum, Stadtarchiv) und erinnerungspolitischen Aktivitäten der Landeshauptstadt München herzustellen.

Grundlagenpapiere
Bei der Erarbeitung des Ausstellungskonzepts sollen folgende bisherigen Grundlagenpapiere von Freistaat und Stadt in die Beratungen miteinbezogen werden:

  • Entscheidungen der jeweiligen städtischen und staatlichen Gremien;
  • Dokumentation der Symposien 2002/2003 im Tagungsband "Ein NS-Dokumentationszentrum für München";
  • Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte;
  • Stellungnahme des Stadtarchivs zum Gutachten des IfZ;
  • Gutachterliche Stellungnahme von Prof. Nerdinger;
  • Thesenpapier des Initiativkreises;
  • Thesenpapier "Geschlechterperspektive in der NS-Erinnerungsarbeit";
  • Tagungsband "Macht und Gesellschaft – Männer und Frauen in der NS-Zeit" zum Thema Geschlechterverhältnisse im Nationalsozialismus.

Zeitplanung
Der wissenschaftliche Beirat wird gebeten, dem Kuratorium

  • bis Ende 2005 die Empfehlung für eine erste konzeptionelle Ausrichtung der Einrichtung,
  • bis Jahresmitte 2006 ein wissenschaftliches Konzept
  • sowie nach Klärung der Standortfrage innerhalb von sechs Monaten Vorschläge für ein gestalterisches  Konzept

zu entwickeln oder (in Rücksprache mit dem Kuratorium) zu beauftragen und vorzulegen.

Inhaltliche Schwerpunkte

Das Kuratorium des NS-Dokumentationszentrums München bittet den wissenschaftlichen Beirat, bei der Erarbeitung seiner Expertise folgende Gesichtspunkte mit einzubeziehen:
Es soll zunächst die "zentrale Botschaft" eines künftigen NS-Dokumentationszentrums definiert werden. Im Zentrum sollte die Frage nach den Entstehungsbedingungen einer Diktatur stehen und dabei die spezifische Rolle Münchens als "Täterort" berücksichtigt werden.
Als thematische Schwerpunkte sollen im NS-Dokumentationszentrum dargestellt werden:

  • Aufstieg des Nationalsozialismus nach dem Ersten Weltkrieg:
    Frühgeschichte, Bedingungen und Aufstiegsmilieu des Nationalsozialismus in München; Schwäche der Weimarer Republik und des Freistaates Bayern.
  • Das nationalsozialistische Terrorregime zwischen 1933 und 1945 in München:
    Konsequenzen der Zerstörung des Föderalismus; München als "Hauptstadt der Bewegung"; die Rolle des Partei viertels im reichsweiten Verwaltungsapparat; "Volksgenossen", Täter, Mitläufer und Profiteure; alltägliche und geplante Resistenz, Widerstand und Verweigerung; Dimensionen von Verfolgung, Repression und Vernichtung der Opfer; Ausgrenzung, Ausplünderung und Vernichtung der Juden.
  • Kunstpolitik des NS-Regimes:
    München als Ausstellungsort der "Entarteten Kunst", als "Hauptstadt der Deutschen Kunst", Selbstinszenierung des Regimes, Stadtplanungen.
  • Umgang im Nachkriegsmünchen mit der Nachgeschichte des NS:
    Entnazifizierung, politischer Neuaufbau, ideologisches Nachleben des NS, Umgang mit der NS-Vergangenheit bis heute.
  • Das Ausstellungskonzept muss auf die Rolle von Frauen und Männern im Nationalsozialismus – sowohl in der Ideologie als auch hin der sozialen Realität – eingehen.

Wünschenswert ist eine Darstellung, die die Sicht der handelnden Personen (Mehrheitsgesellschaft, Täter, Mitläufer, Verfolgte, Andersdenkende) integriert.

Die Einrichtung soll auf die spezifische Rolle Münchens im Nationalsozialismus konzeptuell eingehen und diese thematisch aufgreifen. Sie soll sich jedoch nicht auf eine rein lokalhistorische Auseinandersetzung beschränken, sondern die grundlegende Aufarbeitung und Analyse von Diktaturgeschichte ermöglichen. Ziel ist, eine Einrichtung zu schaffen, die sich in die bundesweite und internationale Museums-, Erinnerungs- und Gedenkstättenlandschaft eingliedert.
Es soll ein Lernort konzipiert werden, der in zukunftsweisender Weise insbesondere jungen Menschen die Auseinandersetzung mit der Geschichte der NS-Zeit ermöglicht. Großer Wert wird auf die Verwendung von innovativen Ausstellungstechniken gelegt, die die Besucher gezielt aktivieren.

Wichtig ist, durch die pädagogisch-politische Arbeit der Einrichtung, zentrale Wertorientierungen wie Menschenwürde, Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Demokratie im Sinne einer gegenwarts- und zukunftsorientierten Demokratie-, Bürger- und Menschenrechtserziehung zu vermitteln. Es soll dadurch für heutigen Rechtsradikalismus, politische Unterdrückung, totalitäre Tendenzen, Menschenrechtsverletzungen, ethnisch motivierte Verfolgungen und genozidale Ereignisse sensibilisiert werden.

Das Kuratorium des NS-Dokumentationszentrums wünscht der Arbeit des wissenschaftlichen Beirats ein gutes Gelingen!


München, den 12. September 2005

 

Dr. Theo Waigel
Vorsitzender des Kuratoriums
NS-Dokumentationszentrum



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